Vielfaltpädagogische Mobilisierung in der Jugendhilfe Sachsens

Tagung „Zwischen ‚Islamisierung‘ und ‚Genderwahn‘. Vielfaltpädagogik in Zeiten völkischer Mobilisierungen“

Mit mehr als hundert Teilnehmenden fand am 13.04.2017 in Dresden die Tagung „Zwischen ‚Islamisierung‘ und ‚Genderwahn‘. Vielfaltpädagogik in Zeiten völkischer Mobilisierungen“.

Zur Veranstaltung waren Fachkräfte der Jugendhilfe geladen, um im Austausch mit Expert_innen, geschlechterreflektierender, rassismuskritischer, migrationspädagogischer, demokratiebildender und empowernder Ansätze deren Einbindung und Verknüpfung in der Regelpraxis der Jugendhilfe zu diskutieren. Außerdem sollten Jugendarbeit und Jugendhilfe damit unterstützt werden, Ausgrenzung und Anfeindungen individuell wie strukturell abzubauen sowie eine gesicherte Praxis zu ermöglichen, welche die Freiheit zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung, selbstbestimmten Bewegung und Lebensgestaltung fördern und erhalten kann.

Ziel war eine nachhaltige solidarische Positionierung aus den Arbeitsfeldern der Sozialpädagogik, Soziale Arbeit und Bildungsarbeit, in Solidarität mit allen Betroffenen von Ausgrenzung und Diskriminierung, um gemeinsam als gesellschaftliche Kraft von Demokratisierung, vielfältigen Lebensweisen und Emanzipation aufzutreten. Hierfür wurde diskutiert, welche Bezüge herzustellen, welche Bündnisse wichtig und welche inhaltlichen Ausrichtungen notwendig sind.

Die Notwendigkeit entsprechende Themen im Arbeitsfeld weiter zu entwickeln sowie aus dem Arbeitsfeld eine kritische, demokratische Positionierung zu aktuellen Ausgrenzungsdebatten zu entwickeln teilt auch die sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration Petra Köpping. Es benötigt gemeinsame, anhaltende Auseinandersetzungen.

Dies unterstrich auch Frank-Peter Wieth, der Leiter des Geschäftsbereichs Gleichstellung und Integration beim Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz in seinem Grußwort auf der Veranstaltung.

Der Soziologe und Publizist Andreas Kemper, führte in seinem Referat „Maskulismus, Familismus, Bevölkerungsbiologie: Genderpolitik der Rechten“ in bestehende völkische und rechtspopulistische Debatten ein. Er stellte heraus, dass verschiedene rechte Strömungen zunehmend aggressiver für einen umfangreichen Rückschlag in der Gender- und Gleichstellungspolitik und damit für Antifeminismus werben. In seinem Vortrag beschrieb er die Ideologien, Netzwerke und die diskursiven Strategien entsprechender Bestrebungen, welche im Sinne nationalistischer und völkischer Werte die sogenannte „traditionelle Familie“ als „Keimzelle der Nation“ propagieren und damit andere Lebensentwürfe, Identitäten und Orientierungen deutlich abwerten. Zur Bewegung zählt er Protagonist_innen aus christlich-fundamentalistischen sowie rassenbiologisch agitierenden Strukturen. Auf einem Podium mit Expert_innen aus dem Arbeitsfeld der rassismuskritischen, feministischen Jugendarbeit und Forschung unter dem Motto „Vielfaltpädagogik in die Offensive“ diskutierten die Teilnehmenden unterschiedliche Ansätze und Ebenen von dem, was Vielfaltpädagogik theoretisch und praktisch heißen muss. Wichtige Eckpunkte waren die Forderung nach der Bereitstellung von Schutz- und Erfahrungsräumen sowie eine Praxis im Sinne demokratischer Positionierungen und möglicher Grenzsetzungen. Die Anwesenden unterstrichen, dass eine emanzipatorische, vielfaltpädagogische Praxis offensiv vertreten werden muss und sich nicht aufgrund möglicher Kritik oder aggressiver Gegenrhetorik in die Defensive bringen lassen darf.

Theoretisch und praktisch vertiefende Arbeitsgruppen u. a. zu den Themen feministische und nationalismuskritische Perspektiven auf aktuelle Debatten sowie migrationspädagogische Ansätze für die Praxis der Jugendarbeit und Empowerment durch Migrant_innenselbstorganisationen boten den Teilnehmenden breiten Raum sich auszutauschen und Fragen aus ihren Arbeitsfeldern zu beantworten.
Den Teilnehmenden war wichtig, dass aller demokratischen Praxis eine Organisierung der Fachkräfte vorausgehen muss, um notwendige Strukturen zu schaffen und zu stärken, um entsprechenden Ausgrenzungsdiskursen professionell entgegnen zu können. Hierzu wurde auch deutlich gemacht, dass Fachkräfte im Arbeitsfeld ihre Fähigkeit zu demokratischen Positionierungen stärken müssen und die entsprechenden Themen Teil der Ausbildungscurricula werden müssen.

Fazit der Tagung: Professionell gestaltete geschlechterreflektierende, rassismuskritische Jugendarbeit ist wirksam. Diese umfasst eine reflektierte Haltung, professionelle Bündnisse und die Notwendigkeit ebenenübergreifender, politischer und pädagogischer Interventionen.

Eine Dokumentation der Veranstaltung wird in den kommenden Wochen aufbereitet.

Die Tagung wurde durchgeführt von der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e.V. in Kooperation mit der LAG Mädchen und junge Frauen in Sachsens e.V., der LAG Jungen- und Männerarbeit Sachsen e.V. sowie der Amadeu Antonio Stiftung. Sie wurde u.a. gefördert durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des BMFSFJ und das Landesprogramm „Weltoffenes Sachsen für Demokratie und Toleranz“ beim SMS.

Zurück

Weitere Beiträge

Neue CORAX-Ausgabe erhältlich

Der neue CORAX ist da mit dem Titelthema Filterblasen und Parallelwelten, das auch die Lebenswelt junger Menschen beeinflusst. Wie sieht das Informationsverhalten von Jugendlichen aus? Leben auch Fachkräfte in einer Reflexionsblase? Und wie kann Soziale Arbeit (digitale) Mündigkeit ... Weiterlesen …

Aufruf Onlinebefragung SchutzNorm

Onlinebefragung für junge Menschen zu Sexualität, Gewalt und Schutz

Das Projekt SchutzNorm hat eine Befragung gestartet, um die Perspektiven von Jugendlichen zu den Themen Sexualität, Gewalt und Schutz zu erfassen. ... Weiterlesen …

Hinweis zu Fortbildungsprogramm 2020

Fortbildungsprogramm 2020 erschienen

Das Fortbildungsprogramm der AGJF Sachsen für 2020 ist seit wenigen Tagen erhältlich. Es kann auf unserer Seite heruntergeladen werden oder als Printversion kostenfrei bestellt werden. Hier geht es zur Übersichtsseite unseres Fortbildungsangebotes. Download ... Weiterlesen …

Sich verzweigender Baum

Netzwerk für Internationale Jugendarbeit Sachsen gegründet

„Wer sagt, dass Zufriedenheit eine tolle Sache ist, sollte wissen, dass jene, die zufrieden sind, aufhören, kreativ zu sein.“ Shimon Peres, früherer israelischer Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Im September 2019 erhielt die AGJF Sachsen e.V. den vom Auswärtigen ... Weiterlesen …

Bildlich gesprochen und Madgermanes am 17.12.2019

Seminar und Lesung zum Thema Comics

Am 17.12.2019 finden im AJZ Chemnitz zwei Veranstaltungen rund um das Thema Comics statt. Ab 14:30 Uhr wird es im Seminar "Bildlich gesprochen" um den Einsatz von Comics in der Jugend(bildungs)arbeit gehen. Und ab 19:30 Uhr liest Birgit ... Weiterlesen …

Flyer zur Lesung mit Matthias Quent

Lesung mit Matthias Quent

Am Donnerstag, den 12. Dezember 2019, ist Matthias Quent, Direktor des IDZ Jena und Rechtsextremismusforscher, bei uns zu Gast und wird aus seinem aktuellen Buch "Deutschland rechts außen. Wie die Rechten nach der Macht greifen und wie wir sie stoppen können" lesen.Im Anschluss ... Weiterlesen …

Bilder vom Tag der feierlichen Verabschiedung durch die Facharbeitsgruppe Jugendarbeit stärken

Papier zur OKJA in Sachsen 2019 verabschiedet

Der Sächsische Facharbeitskreis hat das Papier „Offene Kinder- und Jugendarbeit im Freistaat Sachsen 2019 – Situation, Standards, Forderungen“ verabschiedet. Für die OKJA wurden in den letzten Monaten landesweite Fachstandards diskutiert und festgeschrieben. In einem ... Weiterlesen …

Impressionen des Fachtages

Dokumentation des Fachtages zum 5. Sächsischen Kinder- und Jugendbericht

Die Dokumentation der Fachveranstaltung zum 5. Sächsischen Kinder- und Jugendbericht wurde veröffentlicht. Sie kann auf unserer Seite heruntergeladen werden. Weiterlesen …